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Antikes Vorwort von 2012

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Das folgende Vorwort zum WDR-Dschungelbuch, zweite Auflage von 2012, hat nur noch historischen Wert. Oder nicht? Beurteilt es selbst. Was hier online steht, ist die dritte Auflage, und sieben ganze Jahre sind vergangen.
Zur Info und Belustigung wird der alte Text hier UNVERÄNDERT übernommen. Viel Spaß beim Vergleichen mit der heutigen Lage von freien Mitarbeiterinnen beim WDR.

Mikwe in Qmran, Palästina. Foto: Berthold Werner, Wikicommons
Mikwe in Qmran, Palästina. Foto: Berthold Werner, Wikicommons

Die Leistung der Trüffelschweine in schwierigen Zeiten
Arbeit für Medien, das war mal Handwerk, Arbeit am Einzelstück. Heute ist es vorwiegend Serienproduktion. Das Produkt muss in die Produktlinie passen. Die Programme wurden formatiert. Einfach mal was senden, weil es wichtig ist und in die Thematik des Programms passt? Die Erzählweise dem Thema anpassen? Eher umgekehrt. Die Dramaturgie jedes Programms ist vorgegeben. Was nicht rein passt, wird dem Publikum vorenthalten. Das voraussehbare und am grünen Tisch vorher planbare Produkt ist gewünscht. Mit den Autorinnen wird vorab vereinbart, was bei Recherchen herauskommen wird.1 Und wie es sich anfühlen soll. Denn schließlich haben sich viele Menschen lange damit beschäftigt, was beim Publikum ankommt – darüber darf sich ein Individuum nicht hinwegsetzen.
Nach intensiver Forschung und Diskussion wurde auch entschieden, dass sich die Hörfunkwellen an Wellenprofilen zu orientieren haben und sich an streng definierte Konsumentinnen-Milieus wenden. Und dann heißt es eben am Ende bei WDR 4 ganz offiziell: „Interessant geht vor wichtig.“2 Dass ein Regisseur – wie Wim Wenders früher einmal – mit einer guten Idee auf einem einzigen Blatt Papier die WDR-Unterstützung für einen Kinofilm bekommen könnte3, ist völlig ausgeschlossen. Sein Gegenüber, die Redakteurin, mag ihm zwar den Film zutrauen, aber sie muss sich absichern, im Zweifel ganz oben. Denn dort oben wurde entschieden, dass sich das Fernsehen vor allem an der vermuteten Mehrheit der Zuschauerinnen orientiert, mit engen dramaturgischen Vorgaben. Wenn man zu dem Schluss kommt, dass wöchentlich fünf Talksendungen bei der Mehrheit ankommen, dann wird dem vermuteten Mehrheitswunsch entsprochen. Und, dass ein deutscher Kinofilm selten oder nie etwas für die Primetime ist, sondern an diesen Sendeplatz eine unter hierarchischer Kontrolle gefertigte Weichspül-Produktion hingehört. Die Redaktionen sind entmachtet, und aus einem Redakteursfernsehen ist ein Intendantenfernsehen geworden, schreibt der frühere WDR-Fernsehspielchef Günter Rohrbach.4
Für engagierte Redakteurinnen und langjährige Freie Mitarbeiterinnen reiht sich eine schlechte Nachricht an die andere. Aktuell im Januar 2012: Aus der Sendung „Resonanzen“ auf WDR 3 wird, so der sarkastische Spott interner Kritiker, die Sendung „Redundanzen“. Denn in Zukunft werden auf dem betreffenden Sendeplatz nur noch Übernahmen aus anderen Sendungen in den Äther geschickt, plus ein Livegespräch, das kein Extra-Honorar kostet und ein Kommentar, der auch nichts kostet, weil der in der Regel von Angestellten gesprochen wird. Man schätzt, dass dadurch Honorare von bis zu 200.000 Euro pro Jahr eingespart werden sollen, aber WDR-Pressesprecher Lindner sagt dem Evangelischen Pressedienst, es werde für die Freien Mitarbeiterinnen „keine gravierenden Veränderungen“ geben.5 Die ARD-Vorsitzende und WDR-Intendantin spricht von „Sparen, sparen, sparen“ und sagt in der Nachrichtensendung WDR aktuell, sie hoffe, dass die Rundfunkgebühren irgendwann gesenkt werden könnten. Das fände sie doch „schön.“6 Freie Mitarbeiterinnen, die aus den veränderlichsten Posten der Etats bezahlt werden, hören es mit Grausen.
Die Freie Mitarbeiterin wird zwar nach wie vor dringend benötigt als eine Art Trüffelschwein für das Auffinden und Darstellen gesellschaftlicher und kultureller Tendenzen, packender Geschichten und feiner Beobachtungen. Doch werden ihr mittlerweile enge Grenzen gesetzt. Wichtiger ist dem Medium inzwischen, dass sie – und das garantiert – dem jeweils herrschenden Sendeformat entspricht und die Zuschauerin oder Zuhörerin nicht mit Neuem, Ungewohntem verschreckt. Dabei gehen im Journalismus die bewährten Prinzipien zunehmend über Bord: Es wird nicht mehr primär danach geschaut, was relevant, neu, nah an den Medien-Konsumentinnen ist (wie es die Kriterien aus dem Journalismus-Lehrbuch nahelegen7), sondern danach, was ins Format passt. Wenn das eine Landesstudio entschieden hat, dass es eine immer fröhliche „Lokalzeit“ senden will, dann fällt die angebotene Geschichte zu neuen Erkenntnissen über Euthanasie-Opfer auf dem Friedhof der Kreisstadt eben unter den Tisch. „Euthanasie? Friedhof? Sind Sie sicher, dass Sie bei der richtigen Sendung anrufen?“, fragt die Redakteurin tief verwundert in den Telefonhörer.
Menschen, die zu viel Leidenschaft für Neues in Kunst, Kultur, Gesellschaft mitbringen, sind beim Sender fehl am Platz. Die Freien Mitarbeiterinnen an der verlängerten Werkbank der Medienindustrie sollen sich der Bedarfsbefriedigung des Auftraggebers verschreiben und dafür eine flexible Arbeitszeit zwischen 0 und 100 Prozent aufwenden. Der (immer noch richtige) Spruch vom „Kunden als König“ bekommt unter diesen Bedingungen einen ganz neuen Beiklang.
Ständig kommen neue Aufgaben hinzu und zugleich wird rationalisiert. Darunter leiden auch die WDR-Angestellten. Den entstehenden Druck geben Redaktionen vielfach nach außen weiter.
Priorität hat, dass alles glatt geht. Im Zuge der Digitalisierung der Fernseh- und Radioproduktion und der Ausweitung der Kommunikationskanäle durch das Internet hat sich die Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber WDR radikal gewandelt. Nicht anders als ein Zulieferer in der Automobilindustrie müssen heute Journalistinnen, Kamerafrauen oder Grafikdesignerinnen „just in time“ liefern, genau in dem Format und genau an der Schnittstelle zur Produktion, die das Großunternehmen Sender wünscht. Wie die Zulieferin das schafft, ist ihre Angelegenheit. Wenn mal was schief geht, liegt es an ihr.
Hatte früher noch eine journalistische Mitarbeiterin einen Wettbewerbsvorteil, wenn sie selbst vor Ort gewesen war und nur sie selbst wusste, wo die verwertbaren Bilder und O-Töne auf ihren Aufnahmekassetten zu finden waren, so verstehen Sender – und nicht nur der WDR – heute, ihr diesen speziellen Vorteil zu rauben. Ihre O-Töne und ihr Schnittmaterial wandern ins Netzwerk und können für die vielfache Verwertung auf allen Sendekanälen wieder und wieder bearbeitet werden. Zu einer nostalgisch verschleierten Illusion wird zunehmend das Bild von Urheberinnen, die Werke liefern, an denen sie Rechte haben. Und wenn Reporterinnen verbindliche Absprachen mit ihren Informantinnen über die Nutzung von Informationen getroffen haben, sind diese in dem Moment Makulatur, da das gesamte Material über Redaktionssysteme sender- und ARD-weit verfügbar ist.
Mit der Anbindung der „Freien” an die IT-Infrastruktur wälzen Redaktionen und andere Abteilungen weitere Aufgaben auf ihre externen Mitarbeiterinnen ab. Schnittliste und GEMA-Meldung, das Manuskript und der Extratext fürs Web, die Telefonnummern von Kontakten und anderen Quellen – „alles mein“, sagt die Dame vom WDR und: „Bitte gib auch Deine Hintergrundinfos selbst ins Netzwerk ein, dann haben wir sie für alle Sendungen zur Verfügung.“ Leider wird es bloß zu einem nicht kommen – dass die Freien Mitarbeiterinnen sich ihre Honorare selbst bearbeiten.
Die freie Verfügbarkeit aller Bilder, Töne und Informationen verändert auch den Umgang miteinander. Sie wird für diejenigen, die innerhalb des Apparats arbeiten, so selbstverständlich, dass sie sich ein „Draußen-Arbeiten“ mit anders gelagerten Interessen kaum mehr vorstellen können. Ein Beispiel: Zwei freie Autorinnen waren zu einem TV-Interview mit einem Staatsanwalt verabredet. Thema: Eine Durchsuchungsaktion, die die Staatsanwaltschaft am selben Tag durchführte in einem Fall von Wirtschaftskriminalität – ein Scoop. Die beiden Autorinnen waren schon sehr lange an dem Thema dran, hatten monatelang auf den Tag der Durchsuchung gewartet, hatten Kontakt und Vertrauen zur Staatsanwaltschaft aufgebaut und den Bericht darüber einer ARD-Redaktion des WDR verkauft. Während ihres Interviews mit dem Staatsanwalt klingelte dessen Telefon – der Hessische Rundfunk war dran und wollte Infos über die Durchsuchung. Und auch das Handy einer der Autorinnen klingelte: Wann denn ihr Drehmaterial zum HR nach Frankfurt überspielt werden könne, und zwar pronto? Was war passiert? Für die HR-Redaktion reine Routine: Material und Infos ranschaffen, alles verwursten, senden und das war es. Die Redaktion hatte selbstverständlich Zugriff auf alle Informationen über die Frankfurter Dreharbeiten.
Die wirklich freiberuflich arbeitende Journalistin / Kamerafrau / Grafikdesignerin / Autorin / Szenenbildnerin / Tontechnikerin wird zur Ausnahme. In den Planungen der Angestellten ist sie immer seltener vorgesehen. Gefragt ist stattdessen die von einzelnen Abteilungen vereinnahmte Freie Mitarbeiterin, die die internen Abläufe und Anforderungen ebenso gut kennt wie eine Angestellte. Sie soll aber noch flexibler arbeiten als diese und noch problemloser allzeit verfügbar sein. Dieser Typus der Freien Mitarbeiterin ist pflegeleicht, sie fällt nicht als Sandkorn im Getriebe der durchrationalisierten Abläufe auf, sondern federt im Gegenteil Unzulänglichkeiten des Systems ab.
Die Freie lebt in einem Paradoxon. Sie wird nur bezahlt, wenn sie ihre Leistung abgeliefert hat. Aber man behandelt sie trotzdem wie eine Angestellte, die durchgehend bezahlt wird und auch, als wäre sie wie eine Angestellte an Beschlüsse der senderinternen Konferenzen gebunden. Ein aktuelles Beispiel aus dem Januar 2012: Der WDR-2-Hörfunk reformiert seine regionalen Nachrichten. Aus Freien, die bisher Nachrichtenblöcke mit Originaltönen zulieferten, werden Lieferanten von Originaltönen, welche in eine Nachrichtenmoderation eingebunden werden. Ihr Arbeitsumfang für die Lieferung der O-Töne und der dazu gehörenden Zwischenmoderationen ist in etwa derselbe wie für eine fertige Nachrichtenminute. Aber das Honorar sinkt. Und ihr Name wird nicht mehr als Autorin in der Sendung genannt.
Und was sind die aktuellen Beispiel zu dem Zeitpunkt, zu dem ihr dies lest? Vielleicht steht‘s auf www.freienseiten.de .
Durchgeschüttelt werden Angestellte wie Freie gleichermaßen. Büroumzüge seien gut, weil sie die bisherigen Zuständigkeiten in Frage stellten, überkommene Routinen aufbrächen und neue Abläufe schafften. Großraumbüros seien gut, weil die Zusammenarbeit an einem Produkt anschließend auf Zuruf besser liefe. So oder ähnlich steht es in Planungspapieren zur Reorganisation des WDR-Hörfunks. Mag sein, dass solche Vorteile entstehen könnten. Man kann das Ergebnis besichtigen, wo Abteilungen schon umgezogen sind – und kann an der neuen Sitzordnung dann auch gleich die gegenwärtig gültige Hackordnung ablesen. Gerade die Leitungsebene macht nicht mit und reserviert sich Arbeitsräume, in denen sie bei kreativen Arbeiten nicht gestört wird.
Die permanente Umwälzung der Programmfarben, der Zuständigkeiten und der Abläufe hinterlässt so manche WDR-Angestellten demotiviert. Sie wurden ihres Einflussbereichs beraubt. Ihre eigene Sendeverantwortung, ihre Zuständigkeit, ihre Autonomie, ihre Routine, ihre „kleine Machtposition“– alles weg. Bei der Zerschlagung alter Strukturen und der Politur des Programms schafft es das WDR-Management nicht, seine wichtigste Ressource unbeschädigt in die neue Zeit mitzunehmen: Die Arbeitsfähigkeit und -willigkeit, die – aber ja doch! – Begeisterung seiner eigenen Mitarbeiterinnen.
In durcheinander geschüttelten Redaktionen arbeiten Planungsteams von neu Eingestellten sich wund. Sie sind oft selbst prekär mit befristeten Verträgen beschäftigt, sie wollen Erfolg, sie müssen sich bewähren. Das Management hatte es sich idealerweise so vorgestellt, dass die entmachteten Einzelredakteurinnen nun mit gleicher Kraft wie bisher mit den Neuen zusammen arbeiten. Doch das geschieht nicht. Nach der innerlich ausgesprochenen Kündigung sind die Alten nun weniger leistungsfähig und -willig – und die Abteilung insgesamt nicht mehr so produktiv wie zuvor. Neue Planstellen sind nicht in Sicht. Aber – es gibt ja den disponiblen Etat. Also müssen es wieder einmal die Freien Mitarbeiterinnen richten. Diesmal nicht als Autorinnen und Reporterinnen, sondern als in Schichten eingesetzte Zuarbeiterinnen für die Programmredaktion. Scheinselbstständige Beschäftigung nimmt auf diese Weise zu. Die Geldmittel für freie Autorinnen – aus dem selben Etat finanziert wie die Zuarbeiterinnen – werden noch knapper.
Bei den journalistischen Mitarbeiterinnen brechen zunehmend die Interessengegensätze zwischen solchen „festen Freien“, die redakteurinnenähnlich arbeiten und den „freiberuflichen Freien“ auf. Diskussionen entzünden sich zum Beispiel auf wdrfreie, der Mailingliste von Freien Mitarbeiterinnen, die für den WDR arbeiten8, an dem Thema, ob Tagespauschalen für journalistische Arbeit von Übel sind oder nicht. Bisher sind solche Pauschalen beim WDR offiziell die Ausnahme. Die Gewerkschaften sind dagegen. Sie fürchten, dass der Arbeitsdruck für die Tageskräfte unbegrenzt weiter steigt, wenn ihnen eine Tätigkeit nach der anderen aufgebürdet wird. Die Pauschalistin schneidet mal eben noch einen weiteren Bericht für die 100-Sekunden-TV-Nachrichten um – die Kollegin, die ihn recherchiert und die erste Version geschnitten hat, schaut in die Röhre, sie erhält kein Zusatzhonorar.
An eine Redaktion angebundene „feste Freie“ arbeiten oft gerne für Tagespauschalen, denn diese sind eine sichere Bank ohne großen Akquiseaufwand. Mit Tagespauschalen werden Leistungen bezahlt, die eigentlich von Angestellten erledigt werden müssten. Doch eine Erhöhung des Stellenplans scheint nicht durchsetzbar, und sie ließe den Sender in der Öffentlichkeit schlecht aussehen: Seit Jahren predigen die Intendanten und Intendantinnen des Senders Sparsamkeit. In den Studios des Senders und in Köln sitzen mittlerweile zuhauf Rechercheurinnen, Nachrichtentexterinnen, Produktionsassistentinnen, die nach Dienstplänen in Schichten eingeteilt sind. Auf ihren Verträgen aber steht irgend etwas anderes als das, was sie wirklich machen. Denn wenn die WDR-Verwaltung offiziell ihren wirklichen Auftrag zur Kenntnis nehmen müsste, würde das Justiziariat darauf drängen, ihre Arbeit mittels der „Prognoseregeln“ auf im Schnitt höchstens vier Tage pro Monat zu beschränken9 – sie gelten als potenzielle Klägerinnen auf eine „feste” Stelle.
Zeitpauschalen in großem Umfang, das wäre bei diesem Sender immerhin noch ein Systemwechsel. Bei anderen, wie etwa dem Hessischen Rundfunk, Südwestrundfunk oder dem Bayrischen Rundfunk ist das längst eingerissen, mit einschneidenden negativen Folgen für die Kontinuität und das Gesicht der redaktionellen Arbeit. Sofern die Freien nicht tatsächlich als Scheinselbstständige beinahe ständig im Sender weilen, trudeln sie als nur für einzelne Sendetage zuständige Redakteurinnen im Sender ein und arbeiten dort Ideen ab, die die Sekretärin in ihr Posteingangsfach gelegt hat. Auf der Strecke bleibt da, was Autorinnen an einer gut funktionierenden Redaktion schätzen: Eine klare Linie, ein Redaktionsgedächtnis, klare Zuständigkeiten, eine gute Arbeitsteilung und die Möglichkeit, Absprachen zu treffen, die für die ganze Redaktion gelten und nicht nur für die „freie“ Senderedakteurin des einen Tages.
Manche der Freien Mitarbeiterinnen gehören zu „denen da drinnen“ und entwickeln ein entsprechendes Bewusstsein. Freie bieten sich einer Redaktion als „ständige Freie Mitarbeiterin“ an, in einem regelrechten Bewerbungsverfahren. Einerseits müssten die Kolleginnen, die so ein Bewerbungsverfahren bestehen, wissen, dass sie kein bisschen abgesichert sind, anders als angestellte Mitarbeiterinnen. Doch sind manche von ihnen mächtig stolz auf ihren Status als „feste Freie“, mit eigener WDR-Mailadresse und Nennung auf der WDR-Website der betreffenden Abteilung. Es empört sie geradezu, dass sie sich nicht auch das WDR-Logo auf ihre Visitenkarte drucken dürfen. Diese Kolleginnen sehen den WDR nicht mehr aus der Sicht von Freiberuflerinnen, als Kunden und Auftraggeber, sondern aus einer vorweg genommenen Angestelltenperspektive als Arbeitgeber. Sie geben eine gesunde Diversifizierung ihrer Kunden zugunsten der Bindung an lediglich eine Redaktion auf.
Die abhängig arbeitenden Freien Mitarbeiterinnen genießen die Vorteile ihres Insiderwissens über Verwaltungs- und Redaktionsabläufe als Wettbewerbsvorsprung gegenüber allen externen Konkurrentinnen, die es ihnen gleich tun wollen. Für die Akquise eines Auftrags genügt es zuweilen, auf dem Flur an einem Internet-Terminal mit Telefon herumzulungern, einem der allerdings zumeist eher unwirtlichen inoffiziellen „Freien-Arbeitsplätze“, wie sie zum Beispiel in manchen Studios stehen. Im unwirtlichen Kölner WDR-Filmhaus stehen solche Schreibtische vor allem in fensterlosen Innenräumen. Es kommt in manchen Redaktionen vor, dass eine Redakteurin von ihrem Schreibtisch aus einfach durch die offene Tür auf den Flur einen Titel für ein „buntes“ TV-Thema ausruft. Wer sich als Erste meldet, hat gute Chancen auf den Auftrag.
Immer noch ist es für zu viele Menschen erstrebenswert, beruflich „irgendwas mit Medien“ zu machen. Wenn es um Freie Mitarbeiterinnen geht, schöpft der WDR deshalb aus dem Vollen. Der Sender zehrt, wie viele andere Medien, von der Uneigennützigkeit seiner Mitarbeiterinnen. Viel zu wenige von ihnen denken unternehmerisch. Sie machen sich über Inhalte, Arbeitsbedingungen und die Rentabilität ihres Tuns kaum Gedanken, sie kalkulieren nicht. Und wenn sie mit ihrer wertvollen Arbeit de facto Verlust machen und damit den Sender subventionieren, dann verbuchen sie immer noch auf der Haben-Seite, dass sie an der Erschaffung eines, vielleicht sogar gesellschaftlich wertvollen, Werkes teilhaben durften.
Der WDR ist ein ganz normaler – großer – Arbeitgeber, wie es sie zu hunderten gibt. Von innen nach außen arbeitet dort: Ein Kern gut verdienender Entscheiderinnen. Dann tariflich abgesicherte, nahezu unkündbare Langzeitangestellte. Die neu Eingestellten, die sich noch bewähren müssen. Drumherum jede Menge Menschen mit Zeitverträgen, Aushilfen, Studentinnen, „feste Freie“, gelegentliche Freie und hunderte von Leiharbeiterinnen – letztere noch mal wie in einer Klassengesellschaft aufgeteilt in hochpreisige IT-Fachkräfte mit durchgehender Beschäftigung für ein Jahr, schlecht bezahlte Kolleginnen in Servicebereichen und an den Empfangstheken und äußerst flexible und hoch prekär arbeitende Leiharbeiterinnen mit Tagesjobs in der Fernsehproduktion. Je weiter entfernt vom Kern der Stammbelegschaft, desto weniger haben die Mitarbeiterinnen zu sagen, desto schlechter sind ihre Arbeitsbedingungen. Der WDR deckt draußen im Lande so manchen Missstand gerade auch in der Arbeitswelt auf. Aber wenn seine prekär arbeitenden Rechercheurinnen ausschwärmen, laufen sie vorbei an schlecht bezahlten Leiharbeiterinnen, die an den WDR-Eingängen Wache halten. Sie lassen sich helfen von studentischen Hilfskräften. Sie liefern ihre Sozialreportage an eine Aushilfsredakteurin oder an eine Zeitarbeitskraft, die nach dem x-ten Arbeitsvertrag in Kette immer noch vergeblich auf eine „Fest“anstellung hofft. Die Rechercheurinnen selbst, in der Regel Freie Mitarbeiterinnen, haben häufig seit Jahren keine Verbesserung ihrer Honorare gesehen, während ihnen die Reisespesen gestrichen und immer mehr Aufgaben und Investitionen aufgebürdet wurden. „Take it or leave it – wenn du es für dieses Geld nicht machen willst, dann lass es“, so ist die Devise.
„Es gibt aber auch gut verdienende Freie“, halten mir angestellte Kolleginnen an dieser Stelle entgegen. Sie kennen freie Moderatorinnen, die „6.000 Euro pro Woche verdienen und jede feste Stelle ablehnen“ würden. Ja, die gibt es.
Verdient diese Moderatorin in jeder Woche so viel oder nur wenn sie moderiert? Und warum hat der Sender ihr nicht längst eine Stelle angeboten, wenn das doch so viel besser ist? Weil er sie jederzeit austauschen können will. Dazu hat er insbesondere bei den Freien, die dem Sender sein Gesicht geben, von den Arbeitsgerichten einen Freibrief erhalten. Ich bin dafür, dass diese Freiheit etwas kostet.
Wo der große Batzen der Etats wirklich bleibt, das bleibt ein Rätsel. Es darf spekuliert werden.
Die Rundfunkgebühren sind in der Vergangenheit stets, nach einigem politischen Gezerre, angehoben worden – so etwa in Höhe der Inflationsrate, also in einem Maße, das die ständige Rationalisierung von Abläufen mindestens auffangen können müsste. Auf der Belastungsseite stehen zusätzliche Aufgaben, die der WDR übernommen hat – viele neue Sendeminuten, neue Sendestrecken über Antenne, Satellit und Internet, außerdem die Investitionen in eine sehr teure und bei den Zuschauerinnen sehr erfolgreiche Regionalisierung. Aus NRW-politischen Gründen musste das Studio Düsseldorf gegenüber dem Landtag sehr repräsentativ ausfallen, und auch die Westfälinnen mussten befriedigt werden durch teure Verlegung von Produktions- und Redaktionskapazitäten nach Dortmund.
Auf der Sollseite schlagen auch die zumindest in der Vergangenheit üppigen Pensionsverpflichtungen und die Investitionen in eine immer wieder neu erfundene digitale Technik zu Buche. Die Investitionszyklen bei den WDR-Kameras und Schnittplätzen sind kurz. Neue, zusätzliche Ausgaben sind nötig für die Server und die Leitungskapazitäten für die neuen Verbreitungswege des Programms über das Internet. Die IT-Infrastruktur muss ausgeweitet und gepflegt werden. All das legt Etats fest und schränkt die Bewegungsfreiheit ein. Am Ende bleibt irgendwo ganz hinten ein „disponibler Etat“, über den die Abteilungen verfügen können. Alles andere ist bereits fest verplant. Und die Freie Mitarbeiterin bekommt dann ganz lapidar mitgeteilt, das Geld sei knapp und die Zeiten schlechter geworden. Eine Aussage, welche im Übrigen die Intendanz wieder und wieder in das Lob ihrer Mitarbeiterinnen einstreut – und dabei verschweigt, dass es ihre Wertentscheidungen sind, die den Etat an einer Stelle verknappen, während er an anderer Stelle wächst. In der WDR-Unternehmenskultur ist eine breite Information oder gar Diskussion über diese Wertentscheidungen nicht vorgesehen.
Die veröffentlichen Jahresetats geben über die eigentlichen Geldflüsse nur wenig Auskunft. Wo gekürzt wurde und wo hinein gebuttert wird, ist nicht transparent. Auch vom WDR-Rundfunkrat als Aufsichtsgremium verlautet dazu wenig. So verschwindet alles mögliche Unvergleichbare in den großen Einzelposten „Honorare“ und „Lizenzen“. Die „Lizenz“ für einen (schlechter als früher bezahlten) Tatort geht darin ebenso ein wie die für die Sportlizenzen und die (vermutlich gut bezahlten) Talksendungen, die seit Jahren von Talkmasterinnen geführt werden, die sich ihr Honorar dann selbst anweisen. Die hohen Summen für Sport- und Bundesligasenderechte sind ebenfalls im Etat „Lizenzen“ versteckt – es lässt sich also keinesfalls behaupten, dass davon die Freien Mitarbeiterinnen in NRW profitieren würden. Es ist ziemlich offensichtlich, dass für die Butter viel Geld ausgegeben wird, während beim Brot gespart wird. Das ist ungesund.
Für den laufenden Betrieb und die Prestigeobjekte ist Geld da. Was die solo arbeitenden Freien Mitarbeiterinnen aber von ihren Redaktionen zu hören bekommen, gibt ihnen die Gewissheit, dass sie auf der Verliererinnenstraße wandern. Da werden, trotz zugesagter Tariferhöhungen, die Etats nicht angepasst. Die Abteilung übernimmt – ebenfalls ohne zusätzliches Geld – neue Aufgaben und längere Sendestrecken, für die Freie Mitarbeiterinnen beschäftigt werden. Denen werden dann Auslagen nicht erstattet, Zuschläge für die Internetnutzung ihrer Beiträge „versehentlich“ nicht überwiesen. Das alles ist insgesamt keine Ausnahme.
Im Oktober 2010 veröffentlichte ein Undercover-Redaktionsteam eine viel beachtete Persiflage auf die WDR-Hauszeitung „print“ in tausendfacher Auflage und verteilte sie überall im WDR und über das Internet.10 Die Macherinnen der gefälschten Zeitung machten auf satirische Weise auf Programmverflachung, Quotenorientierung und das Wüten der Sparkommissarinnen im Sender aufmerksam. Dabei einte die angestellten und die freien Zeitungsmacherinnen vor allem eines: Sie vermissten die „gleiche Augenhöhe“ bei der Zusammenarbeit. Angesichts der Machtverhältnisse im Sender beziehungsweise ihrer Unterlegenheit als Auftragnehmerinnen verschafften sie ihrer Unzufriedenheit aus der Anonymität heraus ein Ventil. Per Mails und auf Treffen erhielten die Satirikerinnen großen Zuspruch von anderen WDR-Mitarbeiterinnen. Die gefälschte Zeitung wurde allein auf freienseiten.de in den ersten Wochen rund 60.000 Mal heruntergeladen. Ein Artikel darin, der fiktiv zwei neue freie Personalratsmitglieder porträtierte, offenbarte Seherqualitäten. Neun Monate nach Erscheinen des Blattes beschloss der Landtag in NRW, dass Personalräte auch für arbeitnehmerähnliche Freie Mitarbeiterinnen zuständig sind – und im Juni 2012 werden einige Freie bei den WDR-Personalratswahlen antreten.
Es gibt sie immer noch, die befriedigende Zusammenarbeit an den gemeinsamen Produkten, an denen uns so sehr gelegen ist; deshalb steigen immer noch nur wenige aus. Aber es ist nicht zu leugnen – die Arbeitsbedingungen sind schlechter geworden, und ein Ende der Abwärtsspirale ist leider nicht in Sicht.
Wenn sich trotzdem die Arbeit als Freie Mitarbeiterin noch lohnt, dann liegt es vor allem an den Objekten, an den Inhalten der Arbeit. Es macht immer noch und weiterhin Spaß, sich mit der Welt da draußen zu beschäftigen, zu informieren, zu unterhalten, aufzuklären. Lebenslang durch Arbeit lernen zu können, ohne die Einschränkungen durch das Weisungsrecht von Vorgesetzten, den Takt von Konferenzen oder die Vorgabe von Schichten nach den Trüffeln da draußen zu suchen. Und das auf eine Weise, bei der man die Ziele und die Felder der eigenen Arbeit immer noch besser selbst bestimmen und organisieren kann als in der Rolle als Angestellte.
Wenn wir das alles dann noch mit fairer, angemessen bezahlter kollegialer Zusammenarbeit tun könnten, wäre es perfekt.

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