Funkhaus Europa: Ein entlarvendes Interview des Musikchefs Gay

Hängende koreanische Trommel. Bestimmt weiß Francis Gay die richtige Bezeichnung
Foto: Ulli Schauen

Der Musikchef von Funkhaus Europa, Francis Gay, hat in seinem eigenen Sender einen entlarvenden Auftritt gehabt.
Man kann das Ergebnis der Sendung so zusammenfassung: Der Hörer am Telefon hat zwar mit seiner Kritik Recht, aber die Redaktion macht trotzdem so weiter wie sie meint. Dafür bietet Gay zwar keine wirklichen Fakten oder Argumente sondern nur Hoffnung. Hoffnung auf Quote.
Bemerkenswert auch, wie die beiden im Studio die Petition gegen die Funkhaus-Europa-Reform in eine Unterstützung ihres Senders umdeuten. Denn immerhin steht doch Gay genau für das, was die Petitenten beklagen. Das Interview zeigt dies – trotz aller Bigotterie – ganz deutlich.

Immerhin kann Francis Gay als der Gewinner der Funkhaus Europa-„Reform“ gelten: Seine Redaktion bekommt von Montag bis Freitag je zwei Stunden Sendefläche, die den Fremdsprachenredaktionen abgenommen werden. Kein Wunder, dass es zwei verschiedene Petitionen auf change.org gibt: Die Petition für die (türkischen) Fremdsprachensendungen und die Petition für den Erhalt der von ModeratorInnen gestalteten Musik-Spezialsendungen, die nicht der Musikrotation unterworfen waren.

Ich habe das Interview aus der Audiodatei der FHE-Sendung Cosmos vom 25. Februar 2016 verschriftlicht:

Moderatorin
Vielleicht haben Sie es schon gehört oder sogar unterschrieben. Auf change.org beschäftigt sich gerade eine Petition mit uns, mit Funkhaus Europa. Mittlerweile haben fast 18.000 Menschen da unterschrieben, um für Funkhaus Europa, für das Programm, zu kämpfen. Wenn man sich die Kommentare anguckt, glauben einige allerdings sogar, wir würden abgeschafft werden. Nein, wir renovieren nur ein bissel, wir bauen um sozusagen. Und unser Musikchef Francis Gay erklärt uns heute, was für Veränderungen überhaupt anstehen. Aber erst einmal ein Riesen-Dankeschön an alle, die uns so sehr unterstützt haben. Oder, Francis? Das ist ja eine Riesenwelle von Liebeserklärungen, wie Du sagst.

Francis Gay
Ja, eine Quelle der Inspiration zu sehen, was Menschen, wirklich auf den Punkt gebracht, schreiben zu dem was sie sich wünschen, was wir für ein Programm machen sollen, das ist eine Riesenwelle. Du sagst es, ich habe den Eindruck es geht auch noch einen Tick weiter, ähm, es ist eine Begeisterung da, wir sind ein bisschen so die Occupy-Bewegung von Public Radio, die Projektionsfläche für „das richtige Radio“, es gibt nämlich auch offenbar, das meinen auf jeden Fall die …

Moderatorin:
(zustimmend) hm

Francis Gay
… Menschen, die da schreiben, sehr viele Sender, die mit ihrem Gedudel eigentlich viel Schrott machen, und äh, ja, es ist natürlich, äh, ein Bekenntnis und auch ein Mandat für uns, ein gutes Radio zu machen.

Moderatorin
Falls Sie Fragen zu den Veränderungen bei Funkhaus Europa haben, 0800-5678774 ist unsere Nummer, kostenlos, und die hat auch Christian Ofmann (Urfmann o.ä?) aus Düsseldorf gewählt, guten  Morgen, Christian.

Hörer
Ja, also was ich mal fragen wollte, was ich bei Euch immer so toll fand, weshalb ich Euch auch gehört hab‘, war, dass ihr viel interessante Musik spielt, die ich anderswo nicht höre und die ich auch oft gar nicht kenne. Und jetzt mach‘ ich oft an und hör so was wie Meghan Trainor. Und dafür könnte ich auch 1Live anmachen. Deswegen wollte ich mal fragen, weswegen macht ihr das, warum spielt ihr jetzt mehr so Charts-Musik? Denn wer das hören will, der hört doch eigentlich schon eh 1Live. Und andere, so wie ich, sind dann vielleicht eher geneigt abzuschalten.

Moderatorin
Francis, warum spielen wir zum Beispiel Meghan Tray?

Francis Gay
Ja, ich kann’s erklären, unser Sound. Also es gibt, äh, im Hörfunk eine klassische Währung, das ist die Quote, Christian. Wir haben hier bei Funkhaus Europa eine bescheidene Quote, und Anfang 2015 hieß es, man sollte etwas ausprobieren, Funkhaus Europa sollte ein bisschen anders klingen. Das heißt, wir haben etwas verändert. Wir haben nach wie vor den Global Pop Sound, wir haben die Favelas, die Kasbah, die Townships, die Banlieues, die Barrios, wir haben all das, plus – das stimmt, Christian – wir haben populäre Songs, das hatte auch zu Irritationen geführt, äh, wir haben viele Mails bekommen, Beschwerden in den social medias, es gibt diese Petition, die Message ist eindeutig, die Leute sagen: „No Charts“.
Ich bin persönlich sehr dankbar für diese lautstarke Message. Es gibt ja wirklich sehr viele (er schluckt), andere Möglichkeiten, diese Musik, die Du da gerade erwähnt hast, zu hören. Äh, wir wollen – und die Leute möchten das auch, neue Musik, neue Künstler, neue Melodien vorstellen. Es gibt aber diese Gesetzmäßigkeit im Hörfunk, und ähhhhm die heißt in der Tat äh, irgendwie Q-U-O-T-E, die Quote,

Moderatorin
(so was wie ein unterdrücktes „hehe“)

Francis Gay
…und es geht auch darum, ähm, ja, wie soll ich das formulieren, eine intelligente Schnittmenge mit anderen Sendern zu haben, ohne – und das ist das, worauf es ankommt – ohne seine DNA, seinen Klang, zu verlieren. Das ist eine Riesenherausforderung. Man kann mit dem „Punchen“ von Musik sehr viel kaputt machen. Aber klar, wir haben seit ähm 14 Monaten einen anderen Sound. Ich hoffe, ich hoffe, dass wir dabei äh nicht alles ruinieren. Ich glaube, ich glaube, ähm, dass es, dass es, ja, als Trapezkünstler ist man da, und nicht als Musikredakteur. Das stimmt, Christian.

Moderatorin
Christian, hat Francis Dich überzeugen können?

Hörer
Na ja, ich verstehe, dass er auch auf die Quote schauen muss. Ich weiß nur nicht: Hat sich denn die Quote im letzten Jahr so verbessert dadurch? Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass, wenn ich den eigentlichen Inhalt verwässere, ich Leute, von einem anderen Sender zum Beispiel, gewinnen kann, die dort von der Musik, die sie hören wollen, ja ohnehin schon bekommen.

Francis Gay
Ähm, Frage, ähm, zu beantworten würde heißen, nein, die Quote hat sich überhaupt nicht verbessert, da hast Du Recht, auf der anderen Seite gibt es diese Hoffnung, diese Hoffnung, dass viele Leute, die uns überhaupt nicht kennen, die nie auf Funkhaus Europa gekommen sind, die Umfragen, äh, die es leider auch gibt, und zeigen das, es gibt die Hoffnung, dass die irgendwann zu uns stoßen, und vielleicht machen sie es, weil sie ähm, ich sag mal, äh, so ’ne so ’ne tolerierbare Charts-Nummer hören, also das ist, das ist wirklich ’ne Gratwanderung. Und auf jeden Fall, diese Petition, Christian, diese, äh, diese 17.000, ich weiß nicht, diese, ich kann das auch immer wieder aktualisieren, diese 17.741 Menschen, die da geschrieben haben, sie sagen: „Sei sehr vorsichtig“, äh, „wir wollen das Einzigartige hören, wir wollen individuelles Radio hören, wir wollen die Musik-Nerds hören, die Menschen mit Kompetenz, mit Glaubwürdigkeit, mit Wissen, Menschen, die auch noch Kontakt zu den wahren Musikszenen haben, die wollen wir hören.“ Und das hören wir hier, und ich denke wir sind in einer großen Diskussion. Und ich danke Dir für Deine kritischen Fragen.

Moderatorin
Christian, Ich danke auch für den Anruf, für das Interesse, bleib uns weiterhin treu, okay, mach’s gut, ciao.

P.S. die immer mehr glatt gebügelte Multikulturalität habe ich bereits 2013 in einem Blogeintrag beklagt.

 

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