Der Schläfer – Interview mit Marvin Oppong

Auch Marvin Oppong stellt Fragen per Mail. Der Kollege Jacob Vicari schreibt, Oppong habe ihm untersagt, die Fragen wörtlich zu zitieren.
Auch Marvin Oppong stellt Fragen per Mail. Der Kollege Jakob Vicari schreibt, Oppong habe ihm untersagt, die Fragen wörtlich zu zitieren.

von Matthias Holland-Letz und Ulli Schauen
Wer einzeln arbeitet, wie die vielen Selbstständigen im Medienbereich, der hat keine Kantine, wo er sich mit den Kollegen austauschen kann, die in der gleichen Lage sind wie er. Da hilft digitale Vernetzung. So wie in der seit über 15 Jahren bestehenden Mailingliste „wdrfreie“ von über 550 freien MitarbeiterInnen beim WDR. Ein geschützter Raum, in dem die Kollegen sich koordinieren können. Dort sind sie einigermaßen unter sich und können deshalb auch mal vom Leder ziehen, ohne dass dies den Auftraggeber WDR oder gar die Presse erreicht.

Im Frühjahr 2013 entschied Ulli Schauen, der Administrator der Liste, Marvin Oppong auf dessen Begehren hin auf die Liste zu lassen. Der hatte auch mal für den WDR gearbeitet.
Oppong beteiligte sich nicht an Diskussionen, er las aber zweieinhalb Jahre mit. Ein Schläfer. Er wurde erst tätig, als etliche Freie Mitarbeiter einen Offenen Brief veröffentlichten, mit dem sie sich gegen Unterstellungen wehrten, bei ihrem Auftraggeber gäbe es Anweisungen für eine bestimmte Art der Berichterstattung.

Klar, über den Brief wurde auf der Mailingliste kontrovers diskutiert. Dass es keine Anweisungen dieser Art gab, bestritt niemand, aber die Wirklichkeit ist natürlich widersprüchlich. Gerade die Freien Mitarbeiterinnen bekommen es mit und ächzen, wenn Berichterstattung nicht handwerklich korrekt läuft, wenn beispielsweise das was sie liefern, so lange auf das Sendeformat hingebogen wird, bis es passt. Dass Aktionen wie ein offener Brief in so einem Forum nicht zu 100 Prozent getragen werden – normal.

Oppong und einige wenige Medien machten daraus die Erkenntnis, die Sache insgesamt sei „hochumstritten“. Ein Online-Branchendienst blies die Diskussion zu angeblicher medienpolitischer Relevanz auf. Und Oppong zitierte in mindestens zwei Artikeln aus dem Mailverkehr der Liste.

Für den geschützten Bereich des virtuellen Schutz- und Diskussionsraums war die Wirkung verheerend. Eine Vertrauensbasis wurde zerstört.

Wir sind der Meinung: Es muss einen triftigen Grund geben, damit ein Journalist bei einer Recherche „verbrannte Erde“ hinterlässt. Wie Oppong das sieht, hat uns interessiert. Deshalb haben wir Marvin Oppong am vergangenen Donnerstag, 28. Januar 2016, um Antwort auf unsere Fragen bis gestern, 2. Februar 2016, gebeten.

Er hat nicht geantwortet.

Hier ist der Text unserer Mail vom 28. Januar:

„Lieber Herr Oppong,
was Sie als investigativer Journalist bislang geleistet haben, verdient unseren Respekt.

Auf Empörung bei vielen freien WDR-Mitarbeiterinnen und –Mitarbeitern stieß allerdings, dass Sie Ende vergangener Woche Zitate aus der geschlossenen Mailingliste wdrfreie, in der Vertraulichkeit gilt, veröffentlicht haben. Dies nehmen wir zum Anlass, Ihnen einige Fragen zur Ihren Arbeitsmethoden zu stellen.
Von jemandem, der ein Recherche-Lab veranstaltet, erwarten wir uns davon nicht nur für diesen Fall Aufklärung, sondern auch die Gelegenheit, allgemein über die Arbeitsmethoden von uns Journalisten zu reflektieren und zu diskutieren.

Wir werden unsere Fragen sowie Ihre Antworten auf der Webseite www.wdr-dschungelbuch.de veröffentlichen.

1. Wie wichtig ist Ihnen als Journalist, sich in geschlossenen Internetforen mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen?

2. In wie vielen geschlossen Internetforen sind Sie Mitglied bzw. zu wie vielen dieser Foren haben Sie Zugang?

3. Unter welchen Umständen sind Sie bereit, die in geschlossenen Internetforen regelmäßig verabredete Vertraulichkeit zu brechen, um daraus ganz oder teilweise Beiträge zu veröffentlichen, ohne deren Urheber um Erlaubnis zu bitten?

4. Wie setzen Sie Ihre Auftraggeber davon in Kenntnis, dass Sie für Berichte bereit sind, die verabredete Vertraulichkeit von Internetforen zu brechen?

5. Ein derartiges Vorgehen kann zur Folge haben, dass die Mitglieder des Forums diesen Schutzraum als zerstört ansehen – das Forum muss dann von Grund auf neu aufgebaut werden muss. Was sagen Sie dazu?

6. Sie bieten Fortbildungen für Journalisten an, vor allem zu Recherchemethoden. Inwiefern empfehlen Sie im Rahmen dieser Fortbildungen, die Vertraulichkeit von geschlossenen Internetforen zu verletzen?

Bitte seien Sie so freundlich und schicken uns Ihre Antworten bis kommenden Dienstag, 12 Uhr.

Vielen Dank.

Freundliche Grüße
Matthias Holland-Letz
Ulli Schauen“

15 Gedanken zu „Der Schläfer – Interview mit Marvin Oppong“

  1. Ich bin nach wie vor mehr als enttäuscht von Marvin Oppong. Die Fragen waren alle gut und berechtigt. Es ist aus meiner Sicht einfach Feige nicht zu seinen Taten zu stehen. Ich habe Herrn Oppong auch angeschrieben und keine Antwort erhalten. Deshalb habe ich mit ihm telefoniert und gefragt, ob er nicht ein schlechtes Gewissen wegen des Vertrauensbruchs gegenüber seinen Kolleginnen und Kollegen hat. Er wich aus und zog sich auf öffentliches Interesse zurück. Mein Eindruck am Ende des Gesprächs war, dass es ihm schwerfällt irgendeinen Fehler zuzugeben. Schade.

  2. Im übrigen kann sich jeder selber überlegen ob man selber einen solchen „Fragenkatalog“ beantworten würde…
    Besonders wenn der Fragende vorher solche Kommentare abgibt:

    „Ich bin als Administrator der betreffenden internen Mailingliste empört über sein Verhalten. Ich rate als jedem davon ab, ihm Informationen zu geben oder ein irgendwie geartetes Vertrauensverhältnis mit ihm einzugehen.
    Äußerungen auf einer internen Mailingliste müssen weiterhin ungeschützt gemacht werden können, ohne dass sie auf einer Goldwaage abgewogen werden müssen.“

    Als Journalisten die teilweise davon Leben das andere nicht Öffentliches oder Internes preisgeben sollte man mit den Beschuldigungen vorsichtig sein. Natürlich kann man sowas kritisieren und falsch finden aber die Heftigkeit der Reaktion ist etwas lächerlich.

    1. Fuer das Veroeffentlichen von Interna gilt es abzuwaegen. Was in dem Fall das Ergebnis meiner Abwaegung waere, habe ich ganz deutlich gemacht.
      Ein Journalist sollte vor allem seine Quellen nicht verraten und ein Vertrauensverhaeltnis nicht ohne triftigen Grund beschaedigen. Diesen triftigen Grund gibt es in diesem Fall nicht. Und als Journalist sollte man seine Abwaegung begruenden koennen. Dass jemand mit deftigen Worten seine andere Meinung und seinen Aerger ausgedrueckt hat, gibt keine gute Begruendung fuer Marvin Oppong ab, auf kritische sachlich gestellte Fragen nicht zu antworten. Er koennte stattdessen die Gelegenheit ergreifen zu begruenden, warum er die Meinungsaeusserungen von insgesamt vier Menschen, die mit unterschiedlichen Begruendungen den offenen Brief nicht unterzeichnen wollten, fuer medienpolitisch so bedeutsam haelt, dass er das Vertrauen einer ganzen Mailingliste missbraucht, nicht gegenrecherchiert und auch die Kollegen nicht fragt, ob er mit ihren Aeusserungen paste and copy-Journalismus betreiben darf.

      1. Also es wird doch hier immer wieder betont wie wichtig die ÖR und ihr Unabhängigkeit der Berichterstattung ist. Wenn es so wichtig ist dann ist doch die Information das daran Zweifel bei Mitarbeiter sind doch auch wichtig! Besonders wenn ein offener Brief geschrieben wird wo das kategorisch verneint wurde. Ich würde bei einer Abwägung genauso handeln. Ich finde es dann schon wichtig die ganze Wahrheit zu kennen. Es wurden ja auch keine Namen genannt. Ob es nur vier Leute waren kann ich nicht einschätzen aber Glauben tue ich es ihnen auch nicht…. Sie können Ihn ja aus dem Internetforum rausschmeissen… Aber ich wette mit ihnen das er dann von anderen im Forum Informationen bekommt. In der Heutigen Zeit zu denken das ein geschlossenes Forum Privatsphäre garantieren würde ist doch sehr naiv. Ich wundere mich wirklich über den Journalisten Zustand wenn man Korbsgeist über die Berichterstattung stellt. Im übrigen zeigt ihre Fragen doch deutlich das es ihnen nicht um seine Sicht geht sondern nur ihn zu diskreditieren.

        1. Sie gehen einfach mal davon aus, die Zitate behaupteten politische Abhängigkeiten. Das behauptet, geschweige denn belegt, noch nicht mal Oppong in seinen Artikeln. Sein Junge-Welt-Artikel ist zudem gespickt mit Tätigkeitsworten in der Möglichkeitsform nach der Art von „das könnte darauf hindeuten, dass“. Wenn Sie mir unterstellen, die Zahl von vieren, die gegen den Offenen Brief argumentiert hätten, stimme nicht, dann hat das Chuzpe. Wenn Sie dazu eine entgegenstehende Behauptung haben wollen, dann fragen sie doch Oppong. Er hat die Maildiskussion genau so auf seiner Festplatte wie ich. Er kann mir ja dann privat die Namen aller fünf schreiben, die er selbst gefunden hat.
          Ihre Behauptung, ein anderer aus der Liste werde ihm ohnehin die Mails jetzt weiterleiten, ist ganz klar interessengeleitet. Sie wollen damit den Vertrauensverrat des verdienten Kollegen kleinreden.

          1. Ich habe das nicht geschrieben das die Zitate politische Abhängigkeiten bedeuten. Bitte nichts in den Mund legen. Ich habe von Erwartungshaltungen und „Schere im Kopf“ gesprochen. Sie wissen bestimmt besser als ich was ihre Kollegen gesagt haben. Sie finden das anscheinend nicht problematisch und nicht wichtig. Ich als Bürger finde es schon und bin froh das Herr Oppong dies transparent gemacht hat. In meinen Augen hat er seinen Job als Journalist gut gemacht.
            Ich bin für einen starken und unabhängigen ÖR Rundfunk und dies kann er nur sein wenn Missstände transparent diskutiert werden und eben nicht wenn man Briefe schreibt das alles super ist. Damit dienen sie nicht dem ÖR Rundfunk und auch nicht seiner Glaubwürdigkeit wie man jetzt wieder sieht. Denn in der Heutigen Zeit kommt sowas heraus. (auch aus geschlossenen Foren mit oder ohne Oppong)
            Ich kann auch verstehen das sie persönlich enttäuscht sind aber als Journalist müssen sie doch verstehen das es nötig ist nicht öffentliches an die Öffentlichkeit zu bringen wenn es um mögliche Missstände geht. Sie haben dies ja nicht gemacht. Sie hätten ja im Brief da zuschreiben können das es manche Kollegen anders sehen und das es dort kontroverse gab. Sie entschieden dies nicht zu machen. Das war ihre Entscheidung und die Entscheidung/Abwägung von Oppong war das es eben wichtig ist dies zu veröffentlichen.

            Greifen sie jeden Kollegen an der zu anderen Abwägungen kommt wenn es um die Veröffentlichung von Informationen geht?

            Und nochmal es wurden keine Namen genannt… kein Kollege hat negative Konsequenzen zu befürchten. Für die Kollegen die anderer Ansicht sind wie sie gibt es eben nicht die Möglichkeit eines Offenen Briefes weil sie dann ja mit negativen Konsequenzen zu rechnen haben. Die Position das alles Super ist beim Arbeitgeber ist halt eine bequeme. (ist übertrieben)

  3. Das das Vertrauen missbraucht wurde ist natürlich nicht richtig. Aber es ist auch nicht richtig Missstände nicht anzusprechen oder ihnen nachzugehen. Wenn dann noch bestritten wird das es Erwartungshaltungen gibt oder eine „Schere im Kopf“ aber das von einigen Kollegen so gesehen wird dann macht man sich eben nicht Glaubwürdiger.
    Für Journalisten finde ich es gerade problematisch nicht die ganze Wahrheit zu sagen oder Missstände nicht nachzugehen.

    1. Kritisieren sie eigentlich auch die Kollegen die regelmäßig von geschlossenen Fraktionssitzungen der Parteien, etc berichten? Oder wenn internes von Untersuchungsausschüssen an die Öffentlichkeit kommt? Dort findet man es auch das Vertrauen gebrochen wurde… Sollte man diesen Kollegen auch nichts mehr anvertrauen? Wie wichtig ist es für die Öffentlichkeit wenn in der CDU Fraktionssitzungen lautstarke Wortmeldungen gab? Ü

        1. Also die Politiker geben die Informationen ja nicht selber an die Öffentlichkeit sondern an Journalisten. Diese geben sie dann an die Öffentlichkeit. Also machen die Journalisten sich mitschuldig am Vertrauensbruch und an den Zielen der Politiker die ja was erreichen wollen. Groß Journalistische Arbeit oder Recherchieren findet dort auch nicht statt. Man gibt recht zeitnah die Informationen weiter. (Höchstens man stellt den Wahrheitsgehalt durch nachfragen an anderer Politiker sicher)
          Der Unterschied zu Oppong ist das er offen unter seinem Namen die Sachen veröffentlicht hat. Hätte er die Informationen einfach einem Journalisten gegeben und hätte er dies dann veröffentlicht gäbe es keinen Unterschied mehr und Oppong wäre fein raus.
          Wie gesagt ich finde die Reaktion hier sehr scheinheilig…

          1. Wenn schon „wie gesagt“ geschrieben wird, sollte man die Diskussion beenden. Sie können ja gerne noch was hinterher schieben, Herr S., um das letzte Wort zu haben.

    2. Richtig, das Ergebnis meiner Abwägung ist anders. Und Sie blasen eine interne Diskussion zu etwas medienpolitisch Brisantem auf, genau wie Oppong. Wenn er mit Recht zu dieser Aufffassung gelangt wäre, dann hätte er von dort aus weiter recherchieren müssen und nicht mit paste-and-copy-Journalismus Vertrauen missbrauchen und verbrannte Erde hinterlassen. Ihre Argumentation läuft darauf hinaus dass Sie behaupten „Wo Rauch ist ist auch Feuer.“ Ein offener Brief wird von einigen beschlossen und von anderen unterzeichnet, die ihn unterzeichnen wollen. Dass andere ihn nicht verfassen oder unterzeichnen wollen, ist eine alltägliche Banalität. Das braucht in einem solchen Schreiben nicht erwähnt zu werden.

  4. Die Frage ist tatsächlich, unter welchen Umständen das Vertrauen missbraucht wird. Es kann ja durchaus (über)lebenswichtige Erkenntnisse geben, es kann um wirkliche Skandale gehen, die einen dazu veranlassen. Nur: Dies war hier nicht der Fall. M.O. hätte als Mitglied dieser Liste einfach die Personen kontaktieren können, deren Aussagen er zitiere wollte. Und sie hätten ihm das wahrscheinlich zumindest in Paraphrase erlaubt, denke ich mal. Das ist doch eigentliches journalistisches Standardvorgehen und hat überhaupt nichts mit einem „investigativen“ Ansatz zu tun: Wenn ich etwas aus einer vertraulichen Umgebung erfahre, versuche ich die Aussage entweder über andere zu verifizieren und/oder frage noch mal einen Tag später die Person direkt, ob und wie ich deren Aussage verwenden kann.

  5. Danke! Eine Frage, die sich leider viele Kollegen nicht stellen. Nicht die, die einfach Sachen aus anderen Mailinglisten wie dem Jonet nach außen tragen, und auch nicht die „Kollegen“ (eher Chefs und Intendanten), die sich den Zugriff auf fremde Accounts kurzerhand auf dem Rechtsweg erklagen.
    Übrigens nennt man solche Figuren in Foren und Mailinglisten „Maulwürfe“. Manche sind da sogar sehr stolz darauf gewesen, wie der Abmahnanwalt Gravenreuth… 🙁

    Wer selbst auf Informantenschutz Wert legt, darf nicht seine Kollegen so hintergehen. Aber in letzter Zeit scheinen einige das mit dem „investigativen“ Journalismus etwas merkwürdig zu interpretieren, ich sag nur TAZ/Keylogger…

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