Die Geschichte des WDR-Honorarrahmens

Von der internen Dienstanweisung...

 Den WDR-Honorarrahmen gibt es spätestens seit den 60er Jahren. Damals war er eine einseitig vom Sender erlassene Anweisung an die Redakteure; ein rein internes Papier, nach dem der Sender vorging. Heute dagegen sind die Mindestsätze tariflich vereinbart – darunter läuft nichts.

 

Zwei Zahlen stehen hinter jeder Position des WDR-Honorarrahmens: Ein Mindestsatz und ein Höchstbetrag, den Freie für ihre Leistungen bekommen sollen. Für den Sender war immer schon vor allem die rechte Spalte wichtig, die mit den Höchstsätzen.

 

In der „Dienstanweisung” des WDR-Intendanten von Bismarck „zum Gebrauch des Honorarrahmens” vom 30.9.1970 hieß es: „Eine Unterschreitung der Minimalsätze ist jederzeit zulässig. Die im Honorarrahmen vorgesehenen Höchstsätze dürfen nur in begründeten Ausnahmefällen überschritten werden. Die Überschreitung des Höchstsatzes ist schriftlich zu begründen.”

In den 1970er Jahren druckte die Zeitschrift „filmkritik" in einem Akt zivilen Ungehorsams das „Geheimpapier WDR-Honorarrahmen“ samt Dienstanweisung ab, und dazu kluge Zitate des Filmemachers Hartmut Bitomsky. Der stellte fest, die Gehälter der Angestellten seien in den 15 Jahren davor um 100 Prozent angestiegen, die Sätze im Honorarrahmen aber nur um 25 bis 50 Prozent und beklagte: „Die Freien Mitarbeiter, und nur sie, dürfen ungefragt helfen, das Defizit der Sender zu mindern. Warum gerade sie? Weil sie rechtlos sind, und weil sie rechtlos sind, sind sie machtlos." Zudem seien die Anhebungen bei den Honoraren oft nur Kosmetik gewesen, weil die dazu gehörenden Etats nicht erhöht worden seien.1 Natürlich sahen das schon damals die Senderverantwortlichen anders. Die Honorare seien binnen zehn Jahren um 50 Prozent gestiegen, schrieb der spätere WDR-Intendant von Sell. Und Freie Mitarbeiterinnen bekämen eine erheblich höhere Bezahlung als Angestellte, um für Risiken vorbeugen zu können. Immerhin hatte er also Verständnis dafür, dass Freie Mitarbeiterinnen höher bezahlt werden müssten als Angestellte. Die damalige Forderung der Freien, einheitliche Honorarbedingungen in der ganzen ARD zu schaffen, lehnte er allerdings rundheraus ab.2

... zum Tarifvertrag

Die Zeiten des einseitig festgelegten Honorarrahmens sind vorbei. 1981 schloss die Rundfunk-Fernseh-Film Union RFFU, heute in ver.di aufgegangen, mit dem WDR den „Tarifvertrag über Mindestvergütungen”3 ab. Mit dem Tarifvertrag wurde der bestehende Honorarrahmen zunächst unverändert übernommen. Die Mindestsätze dürfen seitdem nicht mehr unterschritten werden, weil sie tariflich vereinbart sind. Die Spalte des Honorarrahmens mit den Höchsthonoraren wird dagegen weiterhin einseitig vom WDR ausgefüllt. Vergütungen über die Maximalbeträge hinaus dürfen die WDR-Abteilungen nur mit Zustimmung der Chefinnen bezahlen, lautet die WDR-interne Regel.

Mängel des Honorarrahmens

 Leider stammen heute noch manche Positionen des Honorarrahmens aus den 1960er Jahren, als ein völlig anderes Fernseh- und Hörfunk-Programm gemacht wurde. Die erste Magazinsendung des deutschen Radios – das WDR-Morgenmagazin – war gerade erst erfunden. Es dominierten längere Wortbeiträge, Musiksendungen, Hörspiele und Features. Außer dem werktäglichen „Hier und Heute” gab es im Fernsehen keine Magazinsendungen – also empfand man es 1970 nicht als großen Mangel, dass im Honorarrahmen nur eine einzige, grob gefasste Position für tagesaktuelle TV-Berichte stand. Die meisten anderen Berichte waren „Magazinbeiträge”. Auch für das „Bearbeiten von Filmberichten” gab es nur eine einzige Zeile – für alle Berichte „bis 60 Minuten”.

 Manche Honorarziffern wurden bis heute nicht reformiert und den neuen Programmstrukturen angepasst. Dadurch konnte der Tarifvertrag jahrzehntelang in manchen Bereichen nur einen geringen sozialen Schutz entfalten – er liegt häufig zu weit neben der Arbeitsrealität.

 Die ganze Palette unterschiedlicher Berichte in den TV-Regionalmagazinen wurde bis in die 90er Jahre hinein weitestgehend nach einer einzigen Honorarposition bezahlt, als tagesaktueller Bericht. Dessen Mindestsatz lag mit etwa 400 D-Mark (204 Euro) weit unter den effektiv gezahlten Sätzen. Sparkommissarinnen, die bei gleichbleibendem Etat mehr Sendeminuten füllen wollen, bietet solch ein Honorarrahmen gefährlich viel Spielraum für Kürzungen.

 Den Redaktionen andererseits bot der Honorarrahmen nur wenig Hilfe beim Ausfüllen der „Honorarvorschläge”. Viele bastelten sich deshalb eigene Honorierungsrichtlinien. Als die Formulare noch mit der Schreibmaschine ausgefüllt wurden, fanden sich darauf Ziffern wie „6.52 analog", denn so direkt war die bezahlte Leistung nicht im Honorarrahmen zu finden.

 Viel haben die Tarifverhandler der Gewerkschaften mittlerweile an Verbesserungen herausgeholt, im Hörfunk und im TV-Regionalprogramm. Wo früher drei Positionen zur Auswahl standen, können es heute 15 sein, besser definiert und stärker aufgefächert. Leider musste dabei die Bezahlung auch nach unten aufgefächert werden, für sehr kurze Radiobeiträge zum Beispiel. Das drückt die Honorierung potenziell dann, wenn die Beitragslänge verkürzt oder die zu erbringende Leistung verändert wird. Mal einen Radio-Originalton von einem Protagonisten einzuholen, das kann großer Aufwand sein, nicht so viel geringer, als ein ganzes Stück zu schreiben; dessen Bezahlung ist aber unverhältnismäßig geringer, weil das Werk nun in eine andere Kategorie rutscht.

Manche Redakteurinnen im WDR halten auch die Höchstsätze des Honorarrahmens für zu gering. Aufwändig recherchierte Reportagen und Dokumentationen sind zu diesen Sätzen nicht zu leisten. Qualifizierte und geschätzte Freie weigern sich, selbst zu den Höchsttarifen zu arbeiten. Sie wanderten zum Teil zu Privatsendern ab oder begannen, PR zu machen, bewarben sich als Pressesprecher bei Organisationen. Freie kamen beim WDR häufig nur auf Umwegen zu einer angemessenen Bezahlung – mit einem Extra-Vertrag für „fachliche Beratung” oder ähnlichen Kunstgriffen. Eine stärkere Kontrolle von oben scheint dies heute zu verhindern.

Die Leitung der Anfang des 21. Jahrhunderts neu geschaffenen WDR-Internetredaktion hat diese Zusammenhänge begriffen und dafür gesorgt, dass für sie Tarife vereinbart wurden, die eine einigermaßen angemessene Bezahlung ermöglichen. Für die Redaktion bedeutet die Existenz auskömmlicher Mindestsätze auch, dass ihr Etat argumentativ abgesichert ist gegenüber anderen Abteilungen im Sender und gegenüber Einflussnahme von außen, zum Beispiel gegenüber dem Landesrechnungshof oder der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, KEF, die alle paar Jahre die Höhe der Rundfunkgebühren empfiehlt. Leider hat jedoch die Pionierarbeit des WDR beim Internettarifvertrag meines Wissens keine Nachahmer gefunden – er blieb der einzige Internettarifvertrag weit und breit. Er war Ergebnis einer vielleicht einzigartigen Konstellation beim WDR – mit verständnisvollen Verhandlungspartnern auf der Arbeitgeberseite. Im Jahr 2012 wird über bereits eine Renovierung der Internet-Tarifvergütungen gesprochen. Denn das Web – und damit auch die Produkte und Leistungen im WDR-Internetauftritt – haben sich stark verändert. Neues dazu gibt es vielleicht demnächst auf www.wdr-dschungelbuch.de.

Wenn Veränderungen im Honorarrahmen ausgehandelt werden sollen, sind die Tarifverhandlungskommissionen der Gewerkschaften auf engen Kontakt mit den Freien Mitarbeiterinnen angewiesen, die von den Tarifabschlüssen betroffen sind. Derzeit, Anfang 2012, liegen Wünsche des WDR auf dem Tisch, auch für redaktionelle Leistungen verstärkt Tagessätze zu vereinbaren – ein hochkontroverses Thema.

1 „Der WDR-Honorarrahmen", filmkritik Jg 18, 1974, Heft 1, Seite 26 37

2 Friedrich Wilhelm Freiherr von Sell, Der Rundfunk und die Freien Mitarbeiter. Probleme und Lösungen. in: ARD-Jahrbuch 1971, S. 29 bis 33

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