Das Verschwinden des Autors

 

Ein Fernsehmacher, der nach schweren Konflikten mit der WDR-Redaktion nichts mehr über seinen eigenen Film zu sagen hat, darüber berichte ich heute auf der Medienseite der „tageszeitung“ (Link zum Artikel). Am (heutigen) Abend, 7. Juli läuft in der Reihe „Die Story“ laut ARD-Ankündigung „ein Film von Roman Stumpf“, einem WDR-Redakteur, der den Film ohne den eigentlichen Hauptautor Tim van Beveren nie hätte erstellen können, der seit Jahren das Thema „Nervengift im Flugzeug“ über giftige Kabinendämpfe beackert. Dem Vernehmen nach hatte er drei Jahre bei der Redaktion gebaggert, um das Thema in „Die Story“ unterzubringen. Jetzt ist er ausgebootet (auch wenn die Redaktion sagen würde, er habe sich ausgebootet). Der Vorgang wirft einige schwerwiegende Fragen auf im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit Redaktionen. Eine ist...

 

Das Verschwinden des Autors
- und die Folgen

Die Autoren von Fernsehbeiträgen haben immer weniger Kontrolle über die Machart und den Inhalt ihrer Filme. Stattdessen wollen Redaktionen zunehmend darüber entscheiden, manchmal sogar vom grünen Redaktionstisch aus, bei der Auftragsvergabe.

Das beeinträchtigt das Verhältnis der Autoren zu den Protagonisten, die im Film auftauchen. In diesem Fall sogar so stark, dass es zu juristischen Händeln kommt.

Van Beveren hatte Vereinbarungen mit Beteiligten getroffen, die seinen Dreharbeiten nur unter bestimmten Bedingungen zugestimmt hatten. Offensichtlich wollte bzw. will der Sender sich zumindest zum Teil über seine Zusagen hinwegsetzen.
Eine Expertengruppe in Großbritannien wollte aus einsehbaren Gründen Kontrolle über die Publikation ihrer Untersuchungsergebnisse behalten, bevor sie sie selbst veröffentlicht. Andernfalls könnten sie in einem Rechtsstreit unglaubwürdig werden. Es stehen Schadenersatzansprüche von Angehörigen eines schwer erkrankten Piloten auf dem Spiel, in denen die Glaubwürdigkeit der Gutachter eine große Rolle spielt. Trotzdem konnte van Beveren mit ihnen das exklusive Recht vereinbaren, über die Untersuchungen zu berichten. Alles hängt allerdings aus Sicht des Glasgower Rechtsanwalts Frank Cannon daran, dass er mit van Beveren vor der Sendung besprechen kann, was veröffentlicht werden darf – solange das Gutachten selbst nicht publiziert ist. Das ist aber ist nun Makulatur, denn van Beveren ist aus dem Spiel, und der WDR will sich anscheinend – Stand 5.7. - darüber hinwegsetzen, dass die Briten ihm die Nutzung des gedrehten Materials nun untersagt haben. Welche Folgen das haben wird – man wird es noch sehen.

Ähnlich war es im Fall einer anderen Protagonistin, die nur deswegen Dreharbeiten zustimmte, weil ihr Rechtsvertreter Ronald Schmid van Beveren als verlässlichen und seriösen Journalisten kannte – eine Vertrauenskette. Die beiden waren alarmiert, als ihnen auf Nachfrage van Beveren durchblicken lassen musste, dass er kaum noch etwas über den Film zu sagen hat. Die WDR-Redaktion sprach nicht mit Schmid – es gab lediglich juristisch-widerborstige Faxe aus dem Justiziariat, bis der Sender schließlich nachgeben musste. Die schriftlichen Vereinbarungen Schmids zu den Dreharbeiten mit van Beveren waren anscheinend ziemlich wasserdicht gewesen. In diesem Fall hatte der Filmemacher auf eigene Kappe gedreht, zur Materialsicherung. Man befürchtetete, die Frau würde später von ihrem Arbeitgeber einen Maulkorb verpasst bekommen. Auch die Vereinbarung über Nutzungsrechte schloss van Beveren demzufolge allein, was die Senderverantwortlichen nachträglich offenbar ziemlich fuchste. Am liebsten hätte man wohl, der Autor wäre lediglich ein Erfüllungsgehilfe, der zwar mitarbeitet, aber nicht mitentscheidet und schon gar keine Rechte an dem gedrehten Material hat.

Was gilt das Wort?

Die Frage für die Protagonisten bleibt: Kann man sich auf die Zusagen eines Reporters verlassen, oder macht der Sender anschließend ohnehin, was er will?

 Und die Frage für die Autoren: Können sie noch Zusagen machen, ohne dass ihnen der Sender anschließend in den Rücken schießt und ihre professionelle Glaubwürdigkeit beschädigt? Die Frage stellt sich im Alltagsgeschäft täglich und noch erheblich stärke. Ist das tagesaktuell gedrehte Material erst einmal in die Schnittserver gewandert, dann greifen potenziell alle Redaktionen des Senders oder gar der ARD darauf zu ohne sich um Kontexte und inhaltliche Beschränkungen zu scheren, die mit dem Videomaterial verbunden sind.

 Dieser Artikel wird eine Fortsetzung bekommen. Bald am selben Ort:

 Das Verschwinden des Werkes und

 Das Verschwinden des Originals
Link zum Artikel in der taz

 

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