Streitpunkt Freistellung - WDR-Personalratsbilanz Teil 2

Die drei von ver.di, mit Affe und und Frau im HintergrundEine festgelegte Anzahl von Personalräten kann sich von der Arbeit ganz oder teilweise freistellen lassen, um die Arbeit im Gremium zu leisten. Ihr bisheriges Gehalt fließt in der Zeit weiter. Traditionell lassen sich die Kandidaten auf den ersten Plätzen der siegreichen Wahlliste freistellen. Den Freien wurde es hingegen verwehrt, mit Hilfe von Verdienstausfall sich stärker zu engagieren als durch Sitzungsteilnahme und individuelle Beratungsarbeit. Zu Freienversammlungn in Außenstudios fuhren dann zum Beispiel angestellte freigestellte PersonalrätInnen. Im Wege standen dem anscheinend nicht nur der Arbeitgeber WDR sondern auch die angestellten PersonalratskollegInnen, wie auch in Teil 2 des Interviews mit den freien PersonalrätInnen aus ver.di angedeutet wird.

 

Johannes Höflich

Und dann habe ich (unserer Arbeit) eine 3 gegeben, weil es eben auch einige Sachen gibt, die aus Freiensicht noch nicht so schön sind. Also wir können nicht freigestellt werden, das ist uns verboten. Weil das angeblich nicht geht. Das sagt die Verwaltung. Deshalb können wir hier nur bedingt arbeiten. Wir hätten eigentlich noch viel mehr Arbeit, die wir machen müssten. Die dürfen wir nicht machen. Da werden uns regelrecht Steine in den Weg gelegt.
Wenn man nicht freigestellt ist und Anfragen stellt ans "Haus", dann heißt es gleich "Nein, da müssen Sie erst an die Freigestellten gehen". Also viele unnötige Umwege, die meines Erachtens blödsinnig sind. Weil wir als Freie uns in der Materie für Freie noch am besten auskennen. Und wenn wir dann Kollegen erst fragen müssen, die sich nicht so gut auskennen, dann kommt es dann zu Verzögerungen, dann kommt es dann zur Sinnverdrehungen, die alle nicht toll sind. Also, das sind die negativen Seiten.
Aber letztlich eine 3 ist ja eine Versetzung und auch eigentlich eine gute Versetzung. Und ich bin der Meinung, die Vorteile sind ganz ganz wichtig. Und ich denke auch im Hinblick auf die Zukunft ist es sehr sehr wichtig bei allem Frust, den wir ja auch erlebt haben, dass das Freie auch weiterhin im Personalrat stark vertreten sind. Denn nur so sind wir als Menschen überhaupt und als Mitarbeiter präsent.

Karl Horn

Die Wege über die so genannten "Freigestellten" sind lang. Also kürzere Wege wären wirklich besser. Wir müssen zum Beispiel grundsätzlich schriftlich Vorlagen einreichen, was den Personalrat angeht. Wir könnten das Ganze verkürzen. Das sind so Knackpunkte, die wir einfach vielleicht noch in dem nächsten halben Jahr schaffen beziehungsweise in der nächsten Periode dann angehen können.

Ulli Schauen

Das mit der Freistellung, ist das nicht erst einmal eine Sache des Personalrats selbst? Ob er das fordert für euch und ob ihr das auch wirklich wollt, voll freigestellt zu sein?

Anja Arp

Also wir mussten uns ja sozusagen erst mal finden. Karl Horn und Anja ArpAm Anfang, nach der Wahl, mussten wir mit den Anderen und dem Personalratsvorsitzenden erst mal klären, wie wir die Zusammenarbeit gestalten wollen. Und das war ein längerer Prozess. Natürlich war die Freistellung auch im Gespräch. Es gab auch mal so ein Modell. Also der WDR, der Arbeitgeber hat sich immer auf den Standpunkt gestellt, bei Freien Freistellung wovon? Weil Freie sind eben nun mal freiberuflich.
Es gab da auch mal so ein Modell, wo wir gesagt haben, also drei Freie teilen sich eine Freistellung. Das ist dann aber auch wieder verworfen worden. Der Personalrat hat dann von sich aus ein Gutachten in Auftrag gegeben. Lange Rede, kurzer Sinn: Also die Freistellung, das ist nie abschließend geklärt worden. Aber Faktum ist: Es gibt keine Freistellung für Freie.
Es gibt allerdings - und im Moment macht das Rainer Marquardt - einen freigestellten Personalrat, der zuständig ist für die Freien. Der sitzt auch mit hier bei uns im Büro. Und wenn es eben offizielle Dinge gibt wie Briefe zu schreiben oder so, dann übernimmt das der Rainer.

Ulli

Aber ihr kriegt ja pro Sitzungstag und wenn ihr irgendwie noch einen Termin habt bei den Freien und wenn ihr hier Beratung macht, kriegt ihr ja Verdienstausfall, oder?

Anja

Also wir kriegen nur für diesen Mittwoch, den Tag, an dem wir im Personalrat sind, Verdienstausfall. Wenn wir aber krank oder im Urlaub sind oder so, natürlich auch nicht. Freienberatung machen wir mittwochs, das ist dann quasi abgedeckt damit mit dem Tag, den wir für den Personalrat, für dessen Sitzung vergütet bekommen. Und am Freitag ist noch einmal von 10 bis 15 Uhr Beratung. Dafür gibt es dann auch noch mal eine Tagesvergütung.

Ulli

Und ist die befriedigend hoch?

Anja

Ja, das richtet sich halt nach dem Verdienst.

Ulli

Wonach wird es denn berechnet?

Anja

Die genaue Formel kenne ich nicht. Da müsstest du die Hauptabteilung Personal fragen. Aber es richtet sich nach dem, was man verdient. Also bei mir ist es zum Beispiel so: Ich bin die Einzige, die nur Hörfunk macht. Und die … Das geht auch zu sehr ins Detail.

Ulli

Ich meine, es interessiert ja Leute, die eventuell kandidieren wollen am Mittwoch. Das war ja letztes Mal überhaupt nicht klar. Jetzt ist es anscheinend irgendwie geregelt. Deswegen kann sich das auf der Basis jemand überlegen, ob er kandidieren will.

Johannes

Beim Verdienst ist es so, dass der durchschnittliche Prognosetag gezahlt wird. Also der Prognosetag abzüglich der Krankheitstage und der Urlaubstage.
Letztlich ist das alles ein Äquivalent zur Bestandsschutzrechnung. Also die, auf der die Höhe des Verdienstes festgestellt wird wie bei einer Beendigung nach dem Bestandsschutztarifvertrag. Da wird dann eben das, die Formel lautet so. Es werden die letzten fünf Jahre genommen, das beste und schlechteste Jahr wird abgezogen. Aus den drei verbliebenen Jahren das arithmetische Mittel pro Prognosetag. Das ist dann der Verdienst, den die Freien dann eben bezahlt bekommen als Ausfallentschädigung.
Ich habe einen ganz guten Satz. Und jeder, der kandidieren will, kann sich ausrechnen, ob sein Satz auch gut sein wird.
Das ist das. Was ich zum Beispiel fordere auch für eine Fortbildung. Wenn da nur 39 Euro gezahlt. Und ich fordere ja seit langem, dass da eben auch der normale Prognosetag gerechnet wird.
Was ärgerlich ist, es gibt keine Tarifsteigerungen. Bei uns ist alles eben festgesetzt auf diese vier Jahre Legislaturperiode.

Karl

Was ich völlig erschreckend fand, am Anfang unserer Personalratstätigkeit, war die völlige Unkenntnis der Festangestellten über das Arbeitsleben von freien Mitarbeitern. Wenn er von Honoraren von 250 Euro pro Tag hört, addiert ein fester Mitarbeiter das gleich auf 20 Tage und 5.000 Euro. Das sind alles Fehlinformationen. Was ist Freizeit? Was bedeutet es für einen freien Mitarbeiter Akquise? Was bedeutet für einen freien Mitarbeiter wirklich unternehmerisches beziehungsweise freiberufliches Handeln und Leben? Da habe ich wirklich, da habe ich mich sehr erschrocken am Anfang, wie wenig die festen Mitarbeiter eigentlich darüber wissen, was eigentlich Freisein bedeutet. Das bedeutet, sich um Versicherungen zu kümmern. Selber. Das bedeutet, sich selber um Altersversorgung zu kümmern.
Und ich denke, dass wir es auch noch nicht geschafft haben in den letzten dreieinhalb Jahren, wirklich diese Information richtig zu transportieren. Und da noch auf dem Weg sind. Da sehe ich noch großen Handlungsbedarf. Da klaffen noch Lücken. Wirklich große Lücken.

(Fotos: Ulli Schauen)

 

Es folgt in Kürze Teil drei des Interviews: Was sind die derzeitigen Hauptprobleme der Freien MitarbeiterInnen beim WDR?